Leokadia Śliwińska
Geb. am 19. Oktober 1919 in Drahzig (Drawsko) in der Nähe Kreuz (Krzyż). Die Mutter von Leokadia Śliwińska starb, als sie noch ein Kind war. Ihr Vater arbeitete als Bahnwärter bei der Polnischen Staatsbahn. Die Familie zog alle paar Jahre von einem Ort in den nächsten, da der Vater die Dienststellen wechselte. Die Volksschule schloss Frau Śliwińska in Miały bei Wieleń (Filehne) ab. Mit 14 Jahren wurde sie nach Pęckowo bei Drawsko in die Schneiderlehre geschickt. Ein Jahr später ging sie als Dienstmädchen nach Poznań (Posen), sie kümmerte sich auch um die Kinder. Zusammen mit dem Arbeitsgeber zog sie nach Warschau um und arbeitete dort ein halbes Jahr. Anschließend kehrte sie nach Poznań zurück und war als Dienstmädchen, Kellnerin und in einer Metzgerei beschäftigt. Im Dezember 1940 heiratete sie einen Funktionär der Polnischen Arbeiterpartei. Während der deutschen Besatzung arbeitete sie in Posen in einer deutschen Drogerie. Im Sommer 1945 entschied sie sich mit ihrem Mann, nach Drawsko zurückzukehren, eine Wohnung fanden sie in Krzyż (Kreuz). In Krzyż arbeitete sie als Hausfrau und Reinigungskraft im Städtischen Wirtschaftsbetrieb. Frau Śliwińska starb am 23. Dezember 2009.

Galerie

Galerie erweitern

Auszüge zum Lesen

Gründe für die Ausreise in die „Wiedergewonnenen Gebiet” und der Weg nach Krzyż

In Poznań (Posen), habe ich einen Bekannten aus Drawsko (Drahzig) getroffen. Ich frag: „Wo wohnst du?“ Und er sagt: „Ich wohne in Drawsko. Wenn du willst, dann geb ich dir eine Wohnung mit Möbeln, und die deutschen lass hier.“ Und ich frag: „Und was sind da für Möbel?“ – „Alles was du willst, du gehst einfach rein und schon wohnst du da.“ Und wir zwei Dummköpfe haben die Möbel dagelassen, ein großes Grammophon  und sage zu meinem Mann: „Weißt du was, wir fahren nach Drawsko. Da ist die ganze Familie.“ Ich hatte zwei solche verschließbaren Körbe, da haben wir unsere Sachen reingepackt, und sind zu Papa und Celia nach Drawsko gefahren. Und mein Mann hat gleich die Tischlerei in Krzyż (Kreuz) bekommen und so sind wir hierhergekommen. Aber unser Bekannter hat uns so betrogen, es war kein einziges Möbelstück da, nichts war da, als wir hierhergekommen sind. Die Möbel wurden in Krzyż und auch in Drawsko geklaut, weil es in der Nähe lag.

Kontakt mit der deutschen Bevölkerung

Ausreise und Aussiedlung der Deutschen

Als wir nach Krzyż (Kreuz) kamen, waren schon keine Deutschen mehr da, alle waren schon weg. Sind abgehauen… Im Haus nebenan war ein Nachbar, solch nette Leute – eigentlich Deutsche, aber sie konnten polnisch. Ich habe hier einen Dachboden, sie hatten nichts, wo man Wäsche aufhängen konnte, da hab ich ihnen immer den Dachboden überlassen, und schon hatten sie einen Platz. Aber dann mussten sie weg. Nach einigen Jahren klopft es bei mir, eine Frau. Und sagt: „Erkennen Sie mich nicht?” Ich sage: „Sie sind Elda, nicht wahr?“ – „Ja, und Sie Kazia?“ Ich habe sie hereingebeten, sie blieb eine Weile. Dann kehrte sie nach Deutschland zurück.  

Sowjetische Soldaten und die sowjetischen Militärbehörden

Ich hatte hier in Krzyż (Kreuz) so einen Russen. Die haben hier Kühe getrieben, sie haben die Kühe den Polen von den Dörfern weggenommen und mussten sie unsere Straße zum Bahnhof entlang führen. Und ich stand hier am Tor. Und da sagt der Eine: „Nehmt diese Kühe, denn sie blöken, man muss sie melken, die Euter sind riesig.“ Und ich sage: „Nein, nein.“ Er schob mir die Kuh in den Stall, aber ich nahm sie nicht. Und der Russe sagt: „Habt ihr nicht irgendeine Wohnung?“ Ich sag: „Drei Zimmer.“ – „Und wie viele seid ihr?“ – „Wir sind zu zweit.“ Und er sagt: „Bringst du mich für eine Zeit bei euch unter? Nur ein paar Tage, bis wir weiter ziehen.“ Und ich habe soviel Mitleid, hatte auch ein bisschen Angst, weil er einen Karabiner hatte… Mein Mann sagt: „Aber wir sind hier gerade erst eingezogen, vor vier Tagen, wir haben auch nichts.“ Und er sagt: „Ich brauche nichts, ich will mich nur ausschlafen.“ Mein Mann sagt: „Wir sind aus Poznań (Posen), und wir würden gerne nach Poznań (Posen) fahren, um unsere Möbel zu holen, unsere ganzen Sachen, die wir dagelassen haben, als wir hier in diese polnischen Gebiete kamen.“ Und der Russe, der hieß Ugo, sagt: „Keine Angst, ich tu dir nichts, du kannst auch weg sein, ich mach nichts.“ Ich sag: „Naja, das glaub ich nicht.“ – „Du kannst ruhig fahren, wenn hier einer kommt, schieß ich sofort.“ Wir sind früh morgens gefahren und abends wieder gekommen, wir haben Möbel gebracht und einige deutsche Sachen. Und der russische Junge sagt zu mir: „Seht ihr, wenn ich nicht gewesen wäre, wäre hier alles verbrannt. Hier kamen irgendwelche Gauner, und als ich aus dem Fenster schaute, sah ich zwei Russen mit Karabinern und sie wollten über den Zaun, über das Gitter hier rein kommen. Aber als ich auf Russisch geschrien und sie beschimpft habe, da sind sie verschwunden.“ Und so hat er uns verteidigt! So gut war der Ugo, ich denke oft an ihn – so ein prima Russe.