Walentyna Suryn
Geb. am 18. Juli 1915 in Mołczadź bei Nowogródek (Navahrudak), heute Weißrussland. Die Eltern besaßen einen Bauernhof. Nach Abschluss der Volksschule in Mołczadź, besuchte Walentyna Suryn ein Lehrerkollegium in Słonim (Slonim), absolvierte ein einjähriges Praktikum und unterrichtete ab 1936 in einer einklassigen Schule im Dorf Teodorowce. 1939 erhielt sie die Zulassung für die Pädagogische Fakultät der Universität Lwów (Lemberg), kehrte bei Kriegsausbruch jedoch nach Mołczadź zurück. Ab 1940 arbeitete sie in einer Dorfschule mit Weißrussisch als Unterrichtssprache. 1941 heiratete sie den Lehrer Jerzy Suryn. 1945 siedelte sie mit ihrem Mann und der Tochter in die „Wiedergewonnenen Gebiete“ um, am 10. Mai 1945 erreichten sie Krzyż (Kreuz). In der Nähe von Krzyż übernahmen sie einen Bauernhof, auf dem Walentyna Suryn bis 1949 arbeitete. In den Jahren 1949-51 unterrichtete sie in einer Dorfschule in Herburtowo (Ehrbardof) bei Kreuz und in den Jahren 1951-70 in einer Grundschule in Krzyż, in der sie auch nach 1970 als Rentnerin weiterhin tätig war. Nach dem Tod des Sohnes, des Dichters Andrzej Sulima-Suryn (1952-1998), kümmert sie sich um seine poetische Hinterlassenschaft und gibt seine Gedichtbände heraus. Walentyna Suryn wohnt in Krzyż.

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Auszüge zum Lesen

Aussehen der Stadt direkt nach dem Krieg

Wir fuhren in die Stadt. Wie schaut diese deutsche Stadt aus? Alles steht offen, die Geschäfte sind geöffnet, aber es gibt fast nichts mehr. Irgendwelche Nägel, Türangeln, so war das. Die Schubladen in den Geschäften geöffnet, und nur Nägel, Scharniere, irgendwelche Rahmen, alles durcheinander geworfen. Denn als die polnische Armee bereits in Krzyż (Kreuz) einmarschierte, da zogen alle aus den Dörfern, aus Pęckowo, Drawsko (Drahzig), Chełst, von überall her los, um zu plündern. Wunder gibt es nicht, sie plünderten alle Geschäfte. Für uns blieben nur noch Nägel und diese Türscharniere, Kleidung habe ich nicht gesehen, dabei gab es doch sicher verschiedene Geschäfte. Jemand rief nur: „Hej! Waschpulver, es gibt Soda zum Waschen!”. – „Wo?!“ Und er sagt: „Dort, bei der Kirche.” Also sind wir los und schauten nach, dort auf dem Hof gegenüber der Kirche gibt es in der Tat etwas. Und wir hatten schon seit langem kein Waschpulver mehr. Es war schwer, alles war dreckig, weil wir zehn Tage lang gefahren waren und weder Seife noch Pulver hatten. Wir gehen hinein und der gesamte Hof ist von Federn bedeckt: „Was zum Teufel? Wo steckt denn dieses Pulver?“ – „In dem Federnberg! Sucht nur!“ Und wir bedeckten uns ganz schön mit Federn, weil wir in dem Federnhaufen zu wühlen begannen. Und es stellte sich heraus, dass sowjetische Soldaten, die sich zurückzogen, die deutschen Federbetten zerrissen hatten und nach versteckten Schätzen suchten. Und diese Federn bedeckten den ganzen Hof. Und wir Repatrianten suchten, ganz in Federn, nach Seife. Wir suchten und fanden Säcke mit Seife und Pulver. Aber darum ging es uns eben. Wir suchen, worein könnte man das tun? Es gab Papiertüten. Und so sammelten wir sowohl die Federn – die Federn trugen wir an uns selbst – als auch die Soda und die Seife in den Tüten. Was für eine Beute das war! So zogen wir zu unserem Standort, auf dem Platz. Wer mehr Federn trug, befiederter war, der erwies sich als Held.

Niederlassen und Heimisch werden

Anpassung an das Leben am neuen Ort

Am 10. Mai waren wir bereits auf dem Bahnhof  in Krzyż (Kreuz). Wir fuhren über Poznań (Posen) nach Krzyż. Es kam uns hier alles seltsam vor, die Aufschriften waren überall noch auf Deutsch, am Bahnhof stand Kreuz. Wir zelteten, unsere Nachtlager hatten wir auf einem Platz beim Bahnhof, später bei einzelnen größeren Gebäuden in der Stadt. Die Leute von meinem Transport, in dem meine Nachbarn und die Familie überwogen, übernachteten, zelteten nahe der Schule, dort war die Aufschrift Hermann Göring Schule. Das war eine deutsche Mittelschule. Hier schliefen wir einige Nächte und als das Wetter schlecht wurde, schlug man uns mit den Kindern – meine Tochter war schon zwei und ich war wieder schwanger – die Unterbringung in der Schule vor. Dort kochten wir auch Mahlzeiten für die Kleinkinder. Im Städtchen entstand bereits ein Repatriierungsamt, das so genannte PUR. Und dorthin gingen unsere Männer, um sich Arbeitsplätze zu besorgen, im Grunde die ersten Plätze, um sich niederzulassen. Obwohl wir vom Beruf her Lehrer waren, war mein Mann nicht auf eine Arbeit in der Schule erpicht, im Hinblick darauf, dass das System bereits sozialistisch, kommunistisch war. Und wir hatten schon Erfahrungen mit der sowjetischen Herrschaft im Osten, so dass wir nicht großartig Lust hatten, im Schulwesen zu arbeiten. Tja, und mein Mann bekam einen ehemals deutschen Bauernhof zugeteilt und dorthin begaben wir uns gemeinsam mit der Familie meiner Schwester und des Schwagers.

Kontakt mit der deutschen Bevölkerung

Ausreise und Aussiedlung der Deutschen

Wir hatten dort eine sehr interessante Begegnung mit deutschen Bauern, die dort noch wohnten. Mein erster Eindruck war sehr traurig, weil die Deutschen, uns verständlicherweise mit Widerwillen begegneten, geradezu wie Usurpatoren, Eindringlinge auf diesen Gebieten. Aber wir verstanden ihre Situation, da wir im Osten etwas Ähnliches erlebt hatten, nach uns kamen auch bereits Menschen aus dem Osten, aus der Gegend um Minsk und von weiter entfernten weißrussischen, sowjetischen, russischen Ortschaften. Bis heute erinnere ich mich an das traurige, aber gewissermaßen schon versöhnliche Treffen mit dem deutschen Landwirt, dem Bauern. Er kam auf uns zu und schlug uns selbst vor, seinen Hof zu übernehmen. Ich erinnere mich, das war Bauer Ikert, ich erinnere mich an seinen Nachnamen. Er war ein durchaus sympathischer, älterer Herr. Zusammen mit meinem Mann sind wir herumgegangen, genau zeigte er uns seine Ländereien, seine Nutzflächen und Wiesen. Denn die an der Netze gelegenen Felder, die Bauernhöfe, lebten eher von der Viehzucht, es gab hier üppige, herrliche Wiesen. Er führte uns also genau herum, zeigte uns die Grenzen. Alles im Feld war noch alles war noch ausgesät. Es war traurig. Ich weiß, dass ihn das sehr mitnahm, er machte gute Miene zum bösen Spiel, aber ihm war schwer zumute, das ist verständlich. Danach sind wir in sein Häuschen hinein, dort saßen die Frauen. Und Frauen reagieren auf alles eher emotional, es nimmt sie sehr mit, sie wollten einfach nicht mit uns reden. Vielleicht war unser Deutsch tatsächlich nicht so verständlich, fließend. Ich habe fünf Jahre lang Deutsch gelernt, ich konnte mich verständigen und machte den Anfang. Dort saßen so eine Großmutter und eine jüngere Frau, deren Mann an der Front war, sie wartete auf seine Rückkehr. Tja, und irgendwie verständigte ich mich mit den deutschen Frauen. Sie ließen sich irgendwie besänftigen, fingen an, zu zeigen, wo sie die vorbereiteten Vorräte an Sommerfrüchten hatten. Sie haben mir sogar was angeboten, erzählten, wie sie dies zubereitet hatten und ich ich zeigte, dass ich an allem interessiert sei… Ich erinnere mich, dass der Deutsche uns erklärte, warum er zu uns gekommen war und uns den Bauernhof angeboten hatte: weil er wissen und sich merken wollte, wer den Bauernhof bekommt. Er hat sich sogar unsere Namen und Vornamen notiert. Und er sagte, dass es ihm angenehm sei, denn „Sie sind Lehrer, also gehe ich davon aus, dass Sie ehrlich arbeiten werden, und ehrlich den gesamten Besitz, den wir zurücklassen, nicht zerstören.“

Kontakt mit der deutschen Bevölkerung

Ausreise und Aussiedlung der Deutschen

Ein halbes Jahr nach unserer Ankunft wurden die Deutschen nach Westen umgesiedelt, nach Deutschland. Das waren sehr traurige Momente, weil sich die sowjetischen Soldaten nicht immer moralisch korrekt verhielten. Es gab Plünderungen, Vergewaltigungen. Ich erinnere mich, es gab da so ein Mädchen, eine Tochter, die sich so sehr fürchtete, allein zu ihrer Freundin, die noch in einem der Häuser wohnte, hinauszugehen, dass sie mich immer bat, sie zu begleiten. Es gab noch ein sehr unangenehmes Ereignis: gerade verließen der Opa mit der Oma und der jungen Soldatenwitwe, mit drei Kindern, unseren Bauernhof, den wir übernommen hatten. Ich kann mich nicht erinnern, wie sie zum Bahnhof in Krzyż (Kreuz) gelangten. Und nach einem Tag kamen sie weinend zurück, sie sagen, dass sie „die sowjetischen Soldaten geplündert haben“, sie hätten weder Schuhe noch sonst was, und „auf dem Dachboden“, sagt er, „haben wir noch was“. So wie sich überall auf den Dachböden noch immer etwas fand. Also fragen sie uns schon, ob sie auf den Speicher gehen dürfen. Ich sage: „Es ist alles noch Euers. Geht hinauf und nehmt, was ihr braucht.“ Sie nahmen also die alten Schuhe, zogen sie an, fanden noch irgendwelche alten Jacken. Soweit es ging, zogen sie sich an. Und dann gingen sie tatsächlich zum Bahnhof, ich weiß nicht, ob es mit einem Wagen oder zu Fuß war. Und alle fuhren nach Deutschland. Später meldeten sie sich noch, weil sie sehr daran interessiert waren, wie es ihren Bauernhof geht.

Anpassung an das Leben am neuen Ort

Verschiedene Gruppen der neuen Einwohner

Sie, die Ortsansässigen, begegneten uns ein wenig mit einem gewissen Spott oder irgendwie seltsam, als ob sie spürten, dass hier eine höhere Bauernkultur herrsche. Sicherlich fühlten sich die Bäuerinnen im Kontakt mit unseren Landfrauen besser, höher, das konnte man merken. Tatsächlich war diese Kultur ein wenig höher, da gibt es keine Zweifel. Wenn ich durch diese großpolnischen Dörfer fuhr, sah man das. Dort, im Osten, gab es Buden, Hütten. Mein Häuschen war auch so, aber es hatte vier Zimmer, also ein etwas höheres Niveau, wenn auch mit Strohdach. Die fingen an, uns spöttisch als „hadziaje“ zu bezeichnen, weil „haziajin“ auf Russisch „Bauer“ bedeutet. Und unsere Sprache war auch kein Polnisch der gebildeten Schichten. Nach Polen kamen oftmals Menschen aus weit entfernten Dörfern, die oft Mundart sprachen, einer weißrussisch-russischen Mischform. Als sie dies aufschnappten, nannten sie uns schon „hadziaje“ von jenseits des Bugs. Und als unsere Leute aufschnappten, dass sie hier in den Dörfern zu „Kartoffeln“ nicht „kartofle“, sondern „pyry“ sagen, bezeichneten sie die Hiesigen wiederum als „pyry”. Uns so begegneten sich hier die „hadziaje“ und die „pyry“. Der Unterschied war natürlich schon groß. Die hiesigen Dörfer sind so ordentlich, so aufgereiht. Ich betrachte die Häuser… Sie haben Kanten, Ränder, gleichmäßige Ecken, weil sie gemauert waren. Und dort im Osten eher weich, weil aus Holz, hölzerne Dielen. Eher so ein leichter Bau, wohlwollend und weich. Und hier solch steife, geordnete, gleichmäßige Dörfer. Jetzt hat sich das schon ausgeglichen, weil schon so viele Jahre vergangen sind, schon 60 Jahre. Sie haben schon untereinander geheiratet, verheiratet, es gleicht sich schon aus. Aber irgendwo vernimmt man immer noch Echos von den „hadziaje“ und „pyry“.